Rechte Gehirnhälfte kreativ, linke logisch –jahrelang geglaubt, doch was sagt die Hirnforschung heute? Neuromythos Gehirn.
- Irina Lamprecht
- vor 3 Tagen
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1. Woher kommt die Idee überhaupt?
Der Ursprung dieser Idee liegt in echten wissenschaftlichen Entdeckungen – und genau das macht den Mythos so schwer zu widerlegen. Besonders prägend waren die Split-Brain-Experimente des Neurowissenschaftlers Roger Wolcott Sperry am California Institute of Technology in den 1960er Jahren. Für diese Forschung erhielt er 1981 den Nobelpreis für Physiologie und Medizin.
Sperry untersuchte gemeinsam mit seinem Doktoranden Michael Gazzaniga Patienten, deren Corpus callosum – die Verbindungsstruktur zwischen linker und rechter Gehirnhälfte – aus medizinischen Gründen durchtrennt worden war. Dieser Eingriff wurde bei therapieresistenter Epilepsie eingesetzt, um die Ausbreitung von Anfällen zu verhindern.
Was ist das Corpus callosum? Das Corpus callosum ist ein aus rund 200–250 Millionen Nervenfasern bestehendes Faserbündel, das beide Gehirnhälften miteinander verbindet. Es funktioniert wie eine neuronale Datenautobahn und ermöglicht die millisekunden-schnelle Kommunikation zwischen beiden Hemisphären. Wird es durchtrennt, arbeiten die beiden Hälften weitgehend unabhängig voneinander – was die Split-Brain-Experimente erst ermöglichte. |
2. Die Split-Brain-Experimente – Wenn das Gehirn sich selbst überlistet
In Sperrys Experimenten wurden den Patienten Bilder gezeigt – jedoch nur auf einer Seite ihres Blickfeldes. Das funktioniert so: Beide Augen sehen immer beide Seiten – aber die linke Bildhälfte beider Augen wird in der rechten Gehirnhälfte verarbeitet, und die rechte Bildhälfte beider Augen in der linken Gehirnhälfte. Die Informationen werden also jeweils zur gegenüberliegenden Gehirnhälfte weitergeleitet.
In den Experimenten wurde den Patienten das Bild blitzschnell nur auf der linken Seite ihres Blickfeldes eingeblendet – so kurz, dass die Augen keine Zeit hatten, sich zu bewegen und auszugleichen. Dadurch landete die Information ausschließlich in der rechten Hemisphäre.
Und die rechte Hemisphäre hat das tatsächlich verarbeitet – sie hat das Objekt erkannt. Deshalb konnten die Patienten es mit der linken Hand ertasten und auswählen, denn die linke Hand wird von der rechten Hemisphäre gesteuert. Was nicht funktionierte, war das Benennen – weil das Sprachzentrum links sitzt. Genauer gesagt gibt es in der linken Hemisphäre zwei wichtige Sprachzentren: das
Genauer gesagt gibt es in der linken Hemisphäre zwei wichtige Sprachzentren: das Broca-Areal, das für die Sprachproduktion zuständig ist – also dafür, dass wir Wörter formen und sprechen können – und das Wernicke-Areal, das für das Sprachverständnis zuständig ist – also dafür, dass wir Sprache verstehen und einordnen können. Durch das durchtrennte Corpus callosum konnte die rechte Hemisphäre der linken nicht mehr mitteilen, was sie gesehen hatte – und so blieb die Versuchsperson stumm.

Das Huhn-Schaufel-Experiment
In einem der bekanntesten Versuche von Gazzaniga und Kollegen sah die rechte Hemisphäre eine Schneelandschaft, die linke ein Hühnerbein. Die Testperson zeigte mit der linken Hand korrekt auf eine Schaufel – passend zum Schnee – und mit der rechten auf ein Huhn. Auf die Frage, warum sie auf die Schaufel gezeigt hatte, antwortete die Versuchsperson spontan: „Um den Hühnerstall sauber zu machen.“
Der Interpreter – Gazzanigas wichtigste Entdeckung Die linke Gehirnhälfte hatte die Schneeszene nie gesehen – erfand aber blitzschnell eine plausible Erklärung. Michael Gazzaniga und Joseph LeDoux bezeichneten diesen Mechanismus als den Left-Brain Interpreter: Ein kognitives System in der linken Hemisphäre, das permanent Narrationen erzeugt und Handlungen post-hoc erklärt. Gazzaniga formulierte es so: "The interpreter is only as good as the information it gets." Unser Gehirn ist nicht nur ein Wahrnehmungsorgan – es ist ein unermüdlicher Geschichtenerzähler. |
3. Was stimmt – und was nicht
Die Befunde Sperrys und Gazzanigas waren echte wissenschaftliche Meilensteine. Das Problem entstand bei der populärwissenschaftlichen Vereinfachung: Aus nuancierten Forschungsergebnissen über Hirnlateralisation wurde ein simples Zwei-Typen-Modell konstruiert, das so nie von den Forschern selbst intendiert war.
✔ Was wissenschaftlich belegt ist • Sprache ist meist links lateralisiert (~95 % der Rechtshänder) • Räumliche Verarbeitung ist stärker rechts betont • Beide Hälften haben funktionelle Spezialisierungen • Split-Brain-Experimente zeigen eindrucksvoll funktionelle Trennung |
| ✗ Was ein Mythos ist • Kreative Menschen haben eine dominante rechte Hemisphäre • Logische Menschen denken mit der linken Hemisphäre • Man nutzt bevorzugt eine Gehirnhälfte • Fähigkeiten sind strikt einer Seite zugeordnet |
4. Der Stand der Neurowissenschaft (2026)
Moderne Bildgebungsverfahren – insbesondere die funktionelle Magnetresonanztomographie, kurz fMRT – haben unser Bild vom arbeitenden Gehirn grundlegend verändert.
Kognition geschieht in Netzwerken
Nahezu jede komplexe Aufgabe – ob Mathematik, Musik oder kreatives Schreiben – aktiviert beide Gehirnhälften gleichzeitig und vernetzt dabei weit auseinanderliegende Regionen. Kreativität ist kein „rechter Gehirnmodus“, sondern entsteht aus dem dynamischen Zusammenspiel des Default Mode Network, des Salience Network und des Executive Control Network, die über die gesamte Kortexfläche verteilt sind.
Die Schlüsselstudie: Nielsen et al. (2013) – Universität Utah
Die Forscher analysierten die Ruhezustand-fMRT-Scans von 1.011 Probanden im Alter von 7 bis 29 Jahren. Das Gehirn wurde in 7.266 Regionen aufgeteilt und auf Lateralisierung untersucht.
Ergebnis: Die Studie fand keinerlei Hinweise darauf, dass Individuen systematisch stärker links- oder rechtsseitig vernetzt sind. Lateralisierung existiert für spezifische Funktionen, zum Beispiel Sprache, aber nicht als globale Persönlichkeitseigenschaft. Das Konzept einer „linken“ oder „rechten“ Gehirnpersönlichkeit ist neuroanatomisch nicht haltbar.
Lateralisierung existiert – aber lokal, nicht global
Einige Funktionen sind tatsächlich lateralisiert. Sprache ist das bekannteste Beispiel – mit dem Broca-Areal für die Sprachproduktion und dem Wernicke-Areal für das Sprachverständnis, beide in der linken Hemisphäre. Aber auch bei lateralisierten Funktionen ist die gegenüberliegende Hemisphäre nicht inaktiv – das Corpus callosum gewährleistet permanente Kommunikation.
Neuroplastizität macht das Modell noch komplexer
Unser Gehirn ist kein statisches Organ mit festen Zuständigkeiten. Durch Neuroplastizität können sich Funktionen verschieben, neu organisieren und anpassen – abhängig von Erfahrung, Training und sogar nach Hirnverletzungen. Kinder, denen früh eine Hemisphäre entfernt werden musste, entwickeln in der verbleibenden Hälfte nahezu normale Sprachfähigkeiten.
Aus der Praxis – Brain Coaching Im Brain Coaching begegne ich dem Links-Rechts-Mythos regelmäßig – oft als limitierendes Selbstlabel: „Ich bin halt rechtsgehirnig, deshalb bin ich schlecht in Zahlen.“ Diese Überzeugung kann zu einer echten kognitiven Beschränkung werden – nicht weil sie neurologisch stimmt, sondern weil sie das eigene Potenzial einengt. Neuroplastizität bedeutet: Fähigkeiten sind trainierbar, weit über biologische Halbseitenkonzepte hinaus. |
5. Warum hält sich dieser Mythos so hartnäckig?
Das ist eine interessante Frage – und die Antwort ist selbst ein neurologisches Phänomen. Der Mythos ist so persistent, weil er mehrere kognitive Bedürfnisse gleichzeitig erfüllt:
• Er bietet eine einfache Erklärung für komplexes Verhalten – unser Gehirn liebt Kategorien.
• Er ermöglicht Identitätszuschreibung: „Ich bin kreativ“ oder „Ich bin analytisch“ funktioniert als soziales Skript.
• Er ist kommerziell nutzbar – von Coaching-Angeboten bis zu Persönlichkeitstests.
• Er basiert auf echten Forschungsergebnissen, die – aus dem Kontext gerissen – plausibel klingen.
Die wichtigsten Take-aways → Split-Brain-Experimente (Sperry & Gazzaniga) sind echte Wissenschaft – das populäre Zwei-Typen-Modell ist es nicht. → Funktionelle Lateralisierung existiert (vor allem für Sprache mit Broca- und Wernicke-Areal) – hat aber nichts mit Persönlichkeit zu tun. → Fast alle komplexen kognitiven Prozesse nutzen beide Hemisphären (Nielsen et al., 2013, n = 1.011). → Neuroplastizität unterstreicht: Fähigkeiten sind dynamisch und trainierbar. → Du bist kein „rechts-“ oder „linksgehirniger“ Typ – du bist ein hochvernetztes, adaptives Gesamtsystem. |
Quellen & weiterführende Literatur
Alle angegebenen Studien sind peer-reviewed und über gängige wissenschaftliche Datenbanken (PubMed, PLoS ONE) frei zugänglich.
Primärquellen / Originalstudien
[1] Sperry, R. W. (1961). Cerebral Organization and Behavior. Science, 133, 1749–1757.
[2] Sperry, R. W. (1968). Hemisphere Deconnection and Unity in Conscious Awareness. American Psychologist, 23(10), 723–733.
[3] Gazzaniga, M. S., Bogen, J. E., & Sperry, R. W. (1965). Observations on visual perception after disconnection of the cerebral hemispheres in man. Brain, 88(2), 221–236. https://doi.org/10.1093/brain/88.2.221
[4] Gazzaniga, M. S., & Sperry, R. W. (1967). Language after section of the cerebral commissures. Brain, 90(1), 131–148. https://doi.org/10.1093/brain/90.1.131
[5] Gazzaniga, M. S., & LeDoux, J. E. (1978). The Integrated Mind. Plenum Press, New York.
[6] Gazzaniga, M. S. (1998). The Split Brain Revisited. Scientific American, 279(1), 50–55.
[7] Nielsen, J. A., Zielinski, B. A., Ferguson, M. A., Lainhart, J. E., & Anderson, J. S. (2013). An Evaluation of the Left-Brain vs. Right-Brain Hypothesis with Resting State Functional Connectivity MRI. PLoS ONE, 8(8), e71275. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0071275
Sekundärliteratur & Reviews
[8] Broca, P. (1861). Remarques sur le siège de la faculté du langage articulé. Bulletins de la Société Anatomique de Paris, 6, 330–357. [Originalarbeit zur Entdeckung des Broca-Areals]
[9] Wernicke, C. (1874). Der aphasische Symptomencomplex. Cohn & Weigert, Breslau. [Originalarbeit zur Entdeckung des Wernicke-Areals]
[10] Toga, A. W., & Thompson, P. M. (2003). Mapping brain asymmetry. Nature Reviews Neuroscience, 4, 37–48. https://doi.org/10.1038/nrn1009
[11] Lienhard, D. A. (2017). Roger Sperry's Split Brain Experiments (1959–1968). Embryo Project Encyclopedia. https://hdl.handle.net/10776/13035
[12] Gazzaniga, M. S. (2008). Human: The Science Behind What Makes Us Unique. HarperCollins, New York.
[13] Berlucchi, G. (2006). Revisiting the 1981 Nobel Prize to Roger Sperry. Journal of the History of Neuroscience, 15(4), 369–375.
[14] University of Utah Health (2013). Researchers Debunk Myth of Right-Brain and Left-Brain Personality Traits. https://healthcare.utah.edu/press-releases/2013/08/researchers-debunk-myth
[15] Harvard Health Blog (2017). Right Brain / Left Brain, Right? https://www.health.harvard.edu/blog/right-brainleft-brain-right-2017082512222
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